Als klarer, goldgelb leuchtender Kubus steht die Casa Sciaredo auf einem kleinen Hügel am Südende der Collina d’Oro, die sich am westlichsten Teil des Luganersees ausdehnt. Diese Flur heisst im lokalen Dialekt «sciared», was «mit Eichen bewaldet» bedeutet. Sciaredo gehört zu Barbengo, einem kleinen Dorf, dessen Kirchturm von weit her sichtbar ist und dessen Glockenspiel zum Tagesrythmus von Sciaredo gehört.

In den 1920er-Jahren, als das Tessin zu einem Anziehungspunkt für Kunstschaffende, Intellektuelle und die persönliche Sicherheit Suchende aus dem Norden wurde, erwirbt der in Winterthur für Sulzer arbeitende Ingenieur Rudolf Klein den Palazzo Triulzi in Barbengo. Seine Tochter Georgette nimmt dort – wie viele ihrer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen – Abstand zur bürgerlichen urbanen Gesellschaft. Hier will die Germanistin, Musikerin und Künstlerin eine freie, selbstbestimmte Lebensform entwickeln. Sie lernt in Barbengo ihren späteren Ehemann, den Italiener Luigi Tentori kennen, der auf Sciaredo Reben kultiviert. Gemeinsam beschliessen sie, an diesem Ort ein Haus zu bauen, das Einfachheit, Klarheit und Offenheit in sich vereint. Entstanden ist die Casa Sciaredo – aus dem Wunsch nach einem anderen Leben …

Die Casa Sciaredo ist ein frühes und prägnantes Zeugnis des modernen Bauens im Tessin – selbstbewusst in der Form, zurückhaltend in der Geste und fest mit der Landschaft verbunden. Das Haus ist geprägt von klaren Rhythmen und der bewussten Reduktion auf das Wesentliche. Heute steht es dieses erste Wohnhaus der Moderne im Tessin unter Denkmalschutz. Seine besondere Wirkung entfaltet es durch das Zusammenspiel von Architektur, Licht und landschaftlicher Weite. Tagsüber empfängt das Haus das Licht des Südens, nachts öffnet es sich zum Sternenhimmel.


«Dieses Haus, das ich zusammen
mit Luigi gebaut habe,
ist wie ein Kleid, das mir passt.
Haus und Land gehen ohne Zaun
direkt in die Landschaft über.»

Georgette Tentori-Klein, 1932

Das Atelierhaus

Obwohl Georgette Tentori-Klein keine formale Architekturausbildung hatte, lassen sich Einflüsse der Moderne erkennen, etwa aus dem Umfeld des Monte Verità bei Ascona sowie aus dem Werk von Le Corbusier, das sie studierte. Elemente wie Dachgarten, grossformatige Fenster, einfache Konstruktion und klare Volumen prägen den Entwurf. Weitere Impulse dürften von befreundeten Architekten sowie vom Neuen Bauen in der Deutschschweiz ausgegangen sein.

Das Haus liest sich als Gesamtkunstwerk, dessen Ausgangspunkt ein ganzheitliches Lebensverständnis im Einklang mit Natur und Kunst bildet. Haus und Aussenraum sind dabei untrennbar miteinander verbunden. Das Gebäude entwickelt sich über drei Geschosse mit klarer funktionaler Hierarchie. Das Erdgeschoss ist den Arbeits- und Nutzräumen vorbehalten und verbindet Atelier, Wohnzimmer und Küche in einer funktionalen, räumlichen Organisation. Das Obergeschoss mit Schlafräumen und Bad ist symmetrisch organisiert und zu den vier Himmelsrichtungen geöffnet. Die Dachterrasse schliesslich bildet den kontemplativen Höhepunkt.

Die Casa Sciaredo gilt als erstes Wohnhaus der Moderne im Tessin und steht im Kontext der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Bauens der 1920er-Jahre. Sie wurde im Sommer 1932 innert drei Monaten errichtet und später mehrfach renoviert, zuletzt 2016 in enger Zusammenarbeit mit der Kantonalen Denkmalpflege

Der Garten

«Hier in Sciaredo, im Eichenhain, gehöre ich mir.»

Der Garten von Sciaredo entfaltet sich zwischen gestalteter Ordnung und bewusst zugelassener Wildnis. Er steht in engem Dialog mit der Casa Sciaredo und bildet mit Architektur, Topografie und Vegetation ein zusammenhängendes Ganzes.

Als die Fondazione Sciaredo das Anwesen 1996 übernahm, war das Gelände noch stark verwildert. In den folgenden Jahren arbeitete der Verein Sciaredo den Garten behutsam zurück. Dabei wurden alte Strukturen und Pflanzungsideen sichtbar, die auf Georgette Tentori-Klein zurückgehen.

Heute wechseln freie Wiesenflächen mit locker bepflanzten Zonen ab. Zier- und Obstbäume strukturieren den Raum, Sträucher und Wildkirschen schaffen sanfte Übergänge zum Waldrand. Der Sitzplatz – offen und zugleich räumlich gefasst von einem schattenspendenden Kakibaum – liegt wie eine Insel in der Wiese. Alte Bäume, eine Glyzinie und ein Feigenbaum markieren den Übergang zur wilderen Vegetation. Rückseitig steht das Haus vor einem bemoosten Felsen, der zusammen mit einem Weg hinüber zum Glockenturm der Kirche das Rückgrat des Gartens bildet.

Die Pflege des Gartens folgt dem Rhythmus der Natur: Kurz gemähte Bereiche stehen hohen Wiesen gegenüber, die erst spät im Jahr geschnitten werden, um die Artenvielfalt zu fördern. Besonders in den Juninächten wird dies spürbar, wenn Hunderte seltener Leuchtkäfer das Gelände magisch verzaubern …